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Begegnungen um Mitternacht ( Eine Kurzgeschichte von G. Michel )

„Du weißt“, sagte K. zu G, „dass das Leben zu kurz ist um einen schlechten Rotwein zu trinken“! G. nickte zustimmend und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, welches vor ihm auf dem Tresen stand. Daneben eine Flasche mit einem Etikett in Italienischer Sprache. War ja verständlich, denn die Beiden saßen seit geraumer Zeit an der Theke eines „Nobelitalieners“, ein Ort weiter als ihr Heimatdorf. Der Abend war schon etwas fortgeschritten. Die beiden Freunde befanden sich in einer angenehm gehobenen Stimmung. Der Patron erzählte in lebhafter Art und Weise. Die teuere Rolex an seinem Handgelenk blitzte ob seiner Gestik, mit der er seinem Reden mehr Nachdruck verschaffen wollte, im Schein der Deckenspots auf. Die beiden an der Theke Sitzenden, vermieden es heute tunlichst unerfreuliche Themen wie FCK oder Politik zu erörtern. Dazu war der Abend zu schade und der Wein zu gut. K. stellte Überlegungen an, wie man dem Leben so um die 65 noch ein paar schöne und angenehme Seiten abgewinnen könne. Wobei der Aspekt, mit einem Gleichgesinnten in guter Stimmung, ein Glas Rotwein zu trinken sicher eine Alternative darstelle. G. widersprach dem in keiner Weise, im Gegenteil, er gab zu verstehen, dass bei etwas Gleichklang daraus einer der „bon moment de la vie“ entstehen könne. K. lachte und strich sich mit leichter Bewegung durch das ansatzweise grau erscheinende Haar. Man war sich einig, es sei einer jener seltenen Abende in denen man Glück und Frieden empfand, ohne irgend welche große Wünsche zu verspüren: Carpe diem! (Lebe den Tag!). Die Zeit tropfte dahin, keiner erwartete eigentlich etwas in den kommenden Stunden. Die Zukunft war ausgeblendet. Man konzentrierte sich auf die Gegenwart. Was zählte war der Moment und der Rotwein, der mittlerweile eine angenehme Wärme erzeugte, welche den ganzen Körper durchflutete. Der kleine Patron lachte seine beiden späten Gäste an und schenkte, aufmerksam wie er war, die Gläser voll. Dabei versuchte er G. von den Vorzügen der mediterranen Lebensart zu überzeugen.

So langsam leerte sich das Restaurante. Abseits in einer Ecke saß noch ein Liebespaar vor halb geleerten Gläsern. Die Frau hatte ihren Arm auf die rechte Schulter ihres Geliebten gelegt und kraulte gedankenverloren seinen Nacken. Sie beugte sich leicht nach vorne, öffnete ihre vollen roten Lippen und küßte den jungen Mann zärtlich auf den Mund. Eine Zigarette verglomm im Aschenbecher.

Plötzlich öffnete sich die Tür. G. verspürte kurz einen eiskalten Hauch im Nacken. Eine attraktive Frau mittleren Alters trat ein. Auffallend war ihre elegante schwarze Garderobe, welche sie mit einer etwas geheimnisvollen, unnahbaren Aura umgab. Lange dunkle Haare umrahmten ein ebenmäßiges weißes Gesicht, mit leicht slawischen Backenknochen. Was keiner im Raum ahnte zu diesem Zeitpunkt, es war der TOD, der da zu später Stunde eintrat um sich seine Opfer für die heutige Nacht auszusuchen.

Die große Standuhr in dem, in modernem Ambiente gehaltenen Lokal, zeigte 23:33 Uhr. Die Frau schritt lautlos, obwohl sie wunderbare Stilettos trug über den, mit toskanischer Terrakotta belegten, Boden. Als sie den Tresen erreichte, fragte sie mit feiner Stimme die beiden Gäste ob sie Platz nehmen dürfe. Die Männer musterten die schwarze Lady, jeder auf seine Weise. Sie waren sich sicher, dass der weitere Verlauf des Abends eine neue interessante Wendung bekäme. Sie lächelte charmant, stellte ihr Stundenglas auf den Tresen und sah sich um. Sorgsam begann sie ihre Opfer auszuwählen. Das Liebespaar schied von vorne herein aus, denn die Beiden hatten sich noch so viel zu geben im Leben. Mal sehen wie es mit den beiden älteren Herren läuft. Das Spiel von dem niemand etwas ahnte begann. Die Lady nahm neben den beiden Freunden Platz. Binnen Kürze begann eine anregende Unterhaltung über italienische Lebensart. Die Toskana schien der Dame nicht fremd. Das Glas Rotwein zu dem man sie einlud nahm sie dankend an. Derweil rieselte unablässig der Sand im Stundenglas in die nun schon fast gefüllte untere Hälfte. Die Lady grinste und drehte ihren Kopf, die schwarzen Haare wippten, etwas zur Seite zu den Männern hin, um ihnen zuzuprosten. G. bemerkte einen Halbkaräter in Platinfassung an ihrer rechten Hand. Ein kühles Flair ging von ihr aus. Alles schien perfekt aufeinander abgestimmt und doch strahlte etwas Unwirkliches von der schönen Fremden aus. Sie nippte an ihrem Glas und die Unterhaltung plätscherte so dahin. Ein etwas fremdländischer östlicher Akzent in ihrer Aussprache, dachte G. leicht irritiert. Seltsam wie sie mich so kalt interessiert mustert. Ihr Blick richtete sich teilnahmslos auf K. Nun ja, die Entscheidung, wessen Seele sie einfordern soll, kann noch etwas reifen. Zwischenzeitlich wurde die Flasche bis zur Neige geleert. Die Dame mit dem fremden Akzent bestellte, gegen den Widerstand der beiden Freunde, beim Patron, eine Neue. Dass sie etwas von Rotwein verstand erkannte man daran, dass es ein Barolo war. Der Patron entkorkte elegant die Flasche, ließ die Lady kosten und schenkt ein. Lächelnd erhob sie ihr Glas, blickte K. dem Fahrer der Beiden in die Augen, taxierte schon 1,2 Promille, nahm einen Schluck und stellte das Glas befriedigt ab. In ihr reifte der Plan wie sie es bewerkstelligen könne zum Erfolg zu gelangen. Das Liebespaar in der Ecke rief den Patron mit der Rechnung. Sie bezahlten, standen auf und gingen zur Garderobe. Das Mädchen blickte zur Theke hin. Sie stockte, ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie erkannte das zweite Gesicht der Dame, den TOD. Voller Grauen rannte sie, an ihrem verständnislos blickenden Geliebten, ohne Jacke aus dem Lokal in die Nacht. Die Standuhr zeigte 0:20 Uhr. Mitternacht war vorbei und die Lady sah allerlei Untode vor den Fenstern tanzen. Sie winkte ihnen zu. Plötzlich hatte es die Dame sehr eilig. Kaum war die Flasche Barolo von den beiden Zechern geleert, zahlte sie, stand auf und verschwand so lautlos wie sie gekommen war. Sie hatte es plötzlich sehr eilig, denn es bedurfte noch einiger Vorbereitungen.

Derweil steuerte ein total übermüdeter Fernfahrer seinen Truck an der Isenach vorbei und hörte den 0:30 Uhr Wetterbericht. Triste Novembernacht mit Regen und etwas Nebel. Noch ca. eine halbe Stunde bis zu seinem Ziel, Kaiserslautern.

Ihn wählte der TOD als Vollstrecker aus!! Am Galgental, (Flurname Gemeinde Frankenstein) setzte er sich auf seinen Lieblingsplatz und wartete auf das Herannahen des LKW’s. Um ihn herum hörte er das Seufzen und Wispern der Geschundenen, zum Strang Verurteilten. Schade, dass es heute so etwas nicht mehr gibt, dachte er, aber man muss eben mit der Zeit gehen. Endlich erschien der Truck, der TOD setzte sich auf die Motorhaube und sein schwarzer Mantel flatterte im Fahrtwind. Ich glaube, ich hole beide, dachte er unterwegs. Er war sichtlich angetan von seinem Entschluss. Mit ausgebreiteten Armen genoss er den nächtlichen Fahrtwind, der ihm durch die blanken Rippen blies. So fuhr er unerkannt durch den Ort Frankenstein.

Hoch oben auf der Burg wurde er von der „Weißen Frau“ dennoch entdeckt. Ihre Seele sicherte sich der Knochenmann nach einem verheerenden Brand während des Bauernkrieges. Die ehemalige Schlossherrin raufte sich die Haare und schrie lautlos in die Nacht. Sie ahnte was sich binnen Kürze ereignen würde. Sie fühlte sich immer noch zum Schutze ihrer Dorfbewohner verpflichtet und musste jetzt, ohne eingreifen zu können, zusehen wie das Verderben seinen Lauf nahm.

Die beiden Freunde verabschiedeten sich währenddessen im Lokal vom Patron, um die Heimfahrt ins Nachbardorf anzutreten. Der Patron begleitete sie zur Tür und wünschte ihnen einen guten Heimweg. „Tschau amigo“, rief K. und ging mit leicht beschwingtem Schritt gut gelaunt hinter G. über den Parkplatz zu seinem Wagen. K. stieg ein, startete den Mercedes und rollte langsam vom Hof. G. schnallte sich an, machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem und summte ein Lied vor sich hin. Aber immer wieder kam ihm die düstere Fremde in Erinnerung. Bei aller Eleganz ging von dieser Frau etwas eigenartig Furcht einflößendes aus. Er wusste es nicht zu definieren. Es kam ihm vor, als hätte ein schwarzer Schatten hinter ihr gestanden. Ach was dachte er, ich habe zu viel Rotwein getrunken. Es war doch alles in allem ein unterhaltsamer Abend gewesen. Während er das dachte, sah er plötzlich zwei grelle Lichter von Scheinwerfern auf sich zu kommen und darüber die schöne Fremde auf der Motorhaube eines LKW’s sitzen. Sie lächelte und winkte ihm zu. Von nun an bewegte sich alles wie in Zeitlupe. G. nahm alles nur noch verlangsamt war. Doch zuviel getrunken, ging es ihm durch den Kopf. Die Lichter kamen immer näher, K. reagierte nicht, er fuhr einfach gerade aus. Ganz langsam begann die Frau auf der Motorhaube vom Kopf her zu zerfallen. Das Fleisch fiel von ihrem Körper. Das darf nicht sein, K. tu doch was! Weiche aus, schrie G. voller Panik in die Nacht, aber nichts geschah.

Der TOD zeigte grinsend das Stundenglas, in dem die letzten Sandkörner nach unten fielen. G. war vor Entsetzen wie gelähmt. Er fühlte wie eine eiskalte Faust sein Herz umschloss, als der LKW unterhalb der Teufelsleiter, neben der Alten Posthalterei frontal auf den Mercedes krachte. Die „Weiße Frau“, die von der Burg aus die Szene mit ansah, hörte das Bersten und Splittern. Dann war es plötzlich still, totenstill. Der TOD stieg von der Motorhaube des LKW, blickte ärgerlich auf den weißen Schatten, der über der Ruine schwebte und wandte sich hin zu dem total deformierten Wagen. Er schaute interessiert hinein und grinste zufrieden. Die Borduhr blieb auf 0:42 Uhr stehen. Alles war minutiös abgelaufen, dachte er und verschwand mit sich selbst zufrieden im Dunkel der Nacht.

Auf lautlosen Schwingen nahte die „Weiße Frau“. Fast ohnmächtig, hatte sie den TOD gewähren lassen müssen. Sie beugte sich in das Wrack und beweinte die beiden Unglücklichen. Ihre Tränen fielen auf die bleichen Gesichter, deren Augen ins leere starrten .Mit einer zarten Handbewegung schloss sie die Augenlieder der Opfer dieser Nacht.

Leise seufzend verließ sie den Ort des Grauens. Die Kirchenuhr schlug zur ersten Stunde des neuen Tages.

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