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Die Chronik der Teufelsleiter

Ein Spaziergang durch die Geschichte des Frankensteiner Tales von Eugen Fraenger – Pfälzer Feierowend vom 21. Oktober 1950

Wer vom Frankensteiner Bahnhof auf der Reichsstraße nach Westen schreitet, den überraschen auf dem äußersten Punkt des „Hochspeyerer Langenberges“ treppenartig übereinandergelagerte, wilde, altersgraue Felsgebilde. „Teufelsleiter“ heißt im Volksmund diese romantische Felsenpartie, die beim Vollmondschein als geisterhafte Schatten erscheinen.

Der liebe Gott lud den Teufel vor das Himmelsgericht. Wegen vieler Übeltaten angeklagt, erregte er Gottes Unwillen. Geschickt verteidigte sich der Höllenfürst; jedoch wurde er überführt. Gott wies ihn zur Strafe aus dem Himmel. Zornig stapfte der Teufel über die Erde und hinterließ die Fußspuren, die Teufelsleiter, so die Sage.

Fortwährend verändern bestimmte Naturkräfte das Anlitz der Erde. Hier hat das fließende Wasser durch seine ununterbrochene mechanische Tätigkeit den Widerstand des harten Gesteins angegriffen, erodiert, d.h. ausgenagt, und Höhlungen, Rillen und Felsstufen geschaffen. Zu dieser Erosion trat die Atmosphäre im Verein mit Flechten und Moosen, die stetig das Urgestein zersetzten und zerstörten.
An dem Fuß der „Teufelsleiter“ lehnt sich ein zweistöckiges Barockgebäude, „das alte Posthaus“, mit ausgedehnten geräumigen Stallungen für 50 Pferde.

Seit 1744 passierte ein reitender Postbote wöchentlich zweimal auf der Wegstraße Saarbrücken – Mannheim die Posthalterei Frankenstein. Briefschaften trug er in einem Felleisen bei sich. Die Laufzeit betrug 18 Stunden. Der Postmeister bestätigte auf dem sogenannten Laufzettel Ankunft und Abgang. Sonntags und donnerstags legte der Reiter den Weg von Saarbrücken nach Mannheim zurück; und montags und freitags umgekehrt.

Neben der reitenden Post verkehrte wöchentlich zweimal die „Diligence“, die Postkutsche. Der Reisende hatte auf sein Gepäck selbst zu achten. Die Post Thurn und Taxis, die das Monopol der Nachrichtenbeförderung in Deutschland besaß, haftete nur für den Entgang von eingeschriebenen Wertpaketen. Von jedem Reisenden kassierte der Postillion ein Trinkgeld von 4 – 6 Kreuzer ein. Das Briefporto für den einfachen Brief betrug je nach der Entfernung 2 – 12 Kreuzer. Briefe nach Österreich, Polen, Böhmen und Schlesien gingen bis Nürnberg portofrei.

Welches idyllische Leben entfaltete sich bei der Ankunft und Abfahrt der Postkutsche! „Gnädige“ Damen in reizenden Rokoko- und Empire-Kleidung mit riesigen Kapotthut und dem Spitzenhäubchen auf dem von Schmachtlocken umwallten Wackelkopf rauschten die Wellen bei „ehrfürchtigem Niedertauchen“. Gravitätische Herren mit devotem Benehmen und französischer Konversation bewegten ihre Häupter in feierlichem Schwunge. So wurden die feinen Herrschaften begrüßt und fortkomplimentiert von dem in Livree steckenden Postmeister. Der Postillion, von den Reisenden „Schwager“ genannt (von Schwalger, eine Entstellung des Wortes „chevalier“, d.i. Reiter), stieß in sein Horn, dessen Klänge im Tale verhallten und fort ging es im Trab.

Der Sturz über der Haustür des Posthauses verrät als Erbauer Siegmund Friedrich R i t t e r.
Noch steht vor dem Gebäude die steinerne Wartebank im Barockstil; noch ist der eiserne Klöppel, ein Stück feiner Schmiedekunst, an der Haustür vorhanden, den Reisende und Wanderer anschlugen, um bei verschlossener Tür Einlass zu erheischen.

Die Familie stand in intimen Verhältnis zum bayerischen Königshaus, den Wittelsbachern.

Als 1789 die Franzosen in die Pfalz kamen, musste Herzog Max von Zweibrücken (von 1806 erster bayer. König) sein Land verlasen. In der Not wandte er sich an den Posthalter Karl Adolf Ritter, um ihm zur Flucht über den Rhein zu verhelfen. Schon hatten die Franzosen die Straßenlinien von Kaiserslautern nach Frankenstein, Bad Dürkheim und Neustadt besetzt. Ritter sann auf eine List, kleidete seinen Freund als Postillion um, setzte sich selbst neben ihn auf den Postkutschensitz und brachte ihn sicher durch die französischen Vorposten. Zum Dank für diese tapfere Tat schenkte ihm Herzog Max einen Ehrendegen.
Später kam Max öfters nach Frankenstein und übernachtete bei der Familie Ritter; auch König Ludwig I. und König Max II. von Bayern waren hier Gäste. Von diesem freundschaftlichen Verhältnis der Familie Ritter zur bayerischen Krone profitierte die Gemeinde, ja die ganze Pfalz, indem die schlechten Straßen nach Bad Dürkheim und Neustadt zu Kunststraßen umgebaut wurden.

Die Familie Ritter übte auch das Zöllneramt der pfälzischen Kurfürsten aus. Sie erhoben für einen Karren 1 ¼ Pfg., für einen Wagen 3 Pfg., ein Schwein und Schaf ½ Pfg. und für ein Pferd 1 Pfg. Wegegeld. Kaiser Maximilian, der von 1493 – 1519 regierte, gestattete eine Erhöhung von 3 und 6 Pfg.

Im Jahre 1570 mussten 100 Kaiserslauterer Bürger auf der Frankensteiner Straße fronen; denn der Stadt unterlag die Unterhaltungspflicht derselben bis an die Brücke bei Weidenthal ob. Der vom Zöllner eingenommene Zoll diente zur Unterhaltung der Straße. Noch heute trägt die Gewanne vor den Ritter`schen Anwesen den Namen „Zollwiese“. Zollschranken und Posthalterei fielen 1849. Ihre Zeit war aus.

Zu den Ritter`schen Gebäulichkeiten gehörte auch eine Bierbrauerei. Das „Frankensteiner Bier“ war berühmt; ganze Eisenbahnwagen mit dem würzigen Nass wanderten täglich durch die Pfalz. Bierbrauer Thomas Schmitt aus Frankenthal erwarb das Anwesen für RM 85 000,-- zu Weihnachten 1895. Die Bierbrauerei ging unter der Ungunst der Zeitverhältnisse ein. Auf dem Haus ruht noch ein altes Holzrecht aus der Zeit stammend, da die Grafen von Wartenberg hier begütert waren.

Das von alther laufende Brünnlein, an dem einst der Postillion seine Pferde tränkte, ist neu gefasst, liegt auf Willi Schmitt`schem Besitz und wird heute von den Holzfuhrwerken zum früheren Zwecke benutzt. Im Winter setzte man die „Zollwiese“ durch den Diemersteiner Bach unter Wasser und ihre Eisfläche verwandelte sich in eine feine Schlittschuhbahn. Das Eis fand auch in der Bierbrauerei Verwendung. Durch den Umbau der Hochspeyerer Straße verlor die „Zollwiese“ ihr früheres Aussehen.

Hochspeyer, einst ein Zubehör zur Frankensteiner Burg, ist 6 km entfernt. Die Straße streift außer dem Frechtentaler Hof keine menschliche Siedlung. Am Franzosenwoog begann die Flösserei auf dem Hochspeyerbach.
Die Fischjagd durften nur die Frankensteiner Burgherren ausüben. Den Untertanen derselben war die Ausübung derselben strengstens verboten.

Der jüngeren Generation ist noch gut im Gedächtnis, wie Pferde die bespannten Planwagen der Maxdörfer und Meckenheimer Gemüsehändler einzeln und in Gruppen auf der staubfreien Straße dahinzogen.

Allem Treiben der Zeiten sah die „Teufelsleiter“ zu und noch hängt sie unerschüttert und unverändert zwischen „Himmel und Erde“.


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