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Der Hödel – Anschlag auf Kaiser Wilhelm I.     (Gerhard Michel und Willi Walther)

Handelnde Personen:

• Wilhelm I. ( 1797 – 1888 ) Deutscher Kaiser und König von Preußen
• Großherzogin Luise Marie von Baden ( 1838 – 1923 ) Tochter des Kaisers
• Max Hödel, ( 27.05. 1857-16.08.1878) Klempnergeselle aus Leipzig
• Hipolit Mehles, Waffenhändler
• Dr. von Mühler, Kammergericht-Vizepräsident
• Krauts, Julius, Scharfrichter von Berlin
• Gustav Albrecht, geb. 24.06.21854 in Frankenstein , Pfalz

Tatzeit:

Samstag 11. Mai 1878
Hauptstadt Berlin, Unter den Linden
Uhrzeit 15:30 auf Höhe der Russischen Botschaft.

Der Frühling hielt Einzug in Berlin, der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches. Das erste zarte Grün belebte die Bäume an dem Boulevard Unter den Linden. Die Bevölkerung zog es an diesem Samstag ins Freie, man flanierte über die Prachtstraße, um zu schauen und gesehen zu werden. Jung und Alt genossen die wohltuenden Strahlen der Frühlingssonne. Nichts deutete in dieser friedlichen Idylle darauf hin, dass dieser Tag in die Geschichte des Reiches eingehen würde. Wie jeden Tag bereitete sich Kaiser Wilhelm I. in seinem Palais, Unter den Linden Nr. 6, auf eine Ausfahrt zum Tiergarten, in einer offenen Kutsche vor. Der Monarch, dem Pünktlichkeit über alles ging, verließ in Gesellschaft seiner Tochter, der Großherzogin von Baden, gegen 15:00 Uhr im Wagen den Hof des Palastes, Richtung Tiergarten.

Attentat

Kaiser Wilhelm I. (1797-1888 )

Ungefähr zur gleichen Zeit bog ein junger arbeitsloser Klempnergeselle in die Straße Unter den Linden ein, und ließ sich ziellos durch die, auf den Kaiser wartende Menge treiben. Er trug einen ärmlich erscheinenden Anzug und einen Hut als Kopfbedeckung. Er unterschied sich in nichts von den ihn umgebenden Massen. Eingetaucht in den Strom der Flaneure nahm niemand Notiz von dem nervös wirkenden jungen Mann. Der hatte ganz feuchte Hände und tastete immer wieder verstohlen unter seine Jacke, an den Revolver der in seinem Gürtel steckte. Emil Heinrich Max Hödel, genannt Lehmann, geboren 27.05.1857 in Leipzig, erwarb die Waffe, drei Tage zuvor, für das letztes ihm verbliebene Geld.

Attentat

Max Hödel ( 1857-1878 ) Anonymer Holzstich 1878

Er kaufte den Revolver zum Preis von acht Mark, mit der Munition, im C:A: Demmlerschen Waffenladen von Herrn Hipolit Mehles, in der Mohrenstraße Nr. 35. Der Levauxcheux Revolver, um den es sich handelte, war durchaus geeignet einen Menschen zu töten. Das Kaliber 7mm Geschoss, war in der Lage aus 15 Schritt Entfernung ein 2,5 cm starkes Brett zu durchschlagen, also eine gefährliche Waffe, deren Zünder aber als nicht ganz zuverlässig galt. Max Hödel, der Attentäter, war einer der brot-und heimatlosen Verlierer jener Tage.

Die ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, veränderten Deutschland von einem Agrarstaat, hin zu einem Industriestandort. Dieser Umstellung fielen ganze Bevölkerungsgruppen zum Opfer, und stießen die betroffenen Massen in die Verelendung, was letztendlich zur Gründung der SAP, der Sozialistischen Arbeiter Partei, führte. Max Hödel war eine gewisse Zeit Mitglied dieser Partei gewesen, wäre indessen zum Zeitpunkt es Attentates, bereits ausgeschlossen gewesen. Dieser Tatbestand konnte jedoch nicht verhindern, dass der Anschlag auf den Kaiser, in der Nähe der SAP zu suchen wäre. Die Repressionspolitik gegenüber der Arbeiterbewegung wurde verschärft und führte zu dem, von Reichskanzler Otto von Bismarck, eingebrachten Sozialistengesetz.

Ferdinand August Bebel der Führer der SAP verwahrte sich vehement gegen die moralische Urheberschaft seiner Partei. Er verurteilte den Mordanschlag auf den Kaiser auf das Heftigste. Am 16.09.1878 begannen im Deutschen Reichstag die Vorbesprechungen über den Regierungsentwurf „ Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“.

Der Reichstag nahm am 19/20.10.1878 mit 221 gegen 149 Stimmen das sogenannte „Sozialistengesetz“ an, was einem Verbot der Arbeiterpartei gleich kam.

Das Attentat

Den Verlauf des Tatherganges beschreibt die „Pfälzische Volkszeitung“ vom Montag den 13. Mai 1878 wie folgt:

Attentat

Pfälzische Volkszeitung ( Pfalzbibliothek Kaiserslautern )

„ Das Attentat erfolgte als der Kaiser gegen 15.30 Uhr mit der Großherzogin von Baden von dem Brandenburgertor kommend, die Linden entlang nach dem Palais fuhr, ungefähr bei der kleinen Mauerstraße. Der Attentäter feuerte zwei Schüsse vom Trottoir in den Wagen, ohne zu treffen, und lief dann über den Reitweg, in den Mittelweg der Linden, vom Publikum verfolgt. als man ihn festhalten wollte, feuerte er noch drei Schüsse, aus seinem Revolver ab, warf diesen dann fort und wurde festgehalten. Der kaiserliche Wagen hielt unmittelbar nach den Schüssen still und blieb eine Zeit stehen. Der Jäger des Kaisers war gleich anfangs vom Bock gesprungen und hatte sich an der Ergreifung des Attentäters beteiligt.

Die Kugel ging durch das Hinterrad des Wagens. Die Großherzogin von Baden gewahrte das Vorgefallene früher wie der Kaiser und fragte: „Man hat auf Dich geschossen!“ Laut der „Kreuz-Zeitung“ ist der Verbrecher durch den Kaufmann Gustaf Albrecht festgenommen. Der Attentäter schoss noch auf den Bierverleger Rettig und den Kaufmann Sigrist; keiner wurde getroffen. Zwanzig Zeugen wurden vernommen. Bei Hödel wurden 30 Patronen und sozialdemokratische Schriften gefunden.

Die Stadt prangte im Fahnenschmuck. Bei dem Kaiser ist großes Diner. Hödel ist ein obdachloser Strolch; das erste Verhör fand im Beisein des Ministers Eulenburg statt.“

Attentat

Das Attentat ( Schwager in Dresden )

Der junge mutige 24.-jährige Mann, Gustaf Albrecht, der an der Ergreifung des Attentäters großen Anteil hatte, stammte aus Frankenstein/ Pfalz. Er wurde hier am 24.06.1854 als Sohn eines Forstgehilfen geboren und verstarb am 12.06.1940 in Kaiserslautern. (Quelle: Archiv der Verbandsgemeinde Hochspeyer, Abt. Geburtsregister Jahrgang 1854)

Attentat

Geburtsurkunde von Gustaf Albrecht

Er war der Sohn von Philipp Karl Albrecht, der im Juni 1853 im Alter von 26 Jahren, die aus Westheim stammenden, 21-jährige Elisabeth Kulmer heiratete. Wie ehemals üblich musste der Ehemann, vor der Hochzeit, gegenüber dem Frankensteiner Bürgermeister Peter Eymann am 06.06.1853 seinen Staatsbürgereid ablegen. „ Ich schwöre Treue dem König, Gehorsam dem Gesetz und Beachtung der Staatsverfassung, so war mir Gott helfe und sein Evangelium. „

Bereits 1855 verließ die junge Familie mit unbekanntem Ziel das kleine Walddorf. Gustav Albrecht zog es im weiteren Verlauf seines Lebens in die aufstrebende Hauptstadt Berlin. Hier war es dem jungen Kaufmann vergönnt, für einen kurzen Augenblick, im Mittelpunkt der Geschichte zu stehen. Im Rentenalter kehrte der Pensionisten Albrecht wieder zurück in die Pfalz. Er verbrachte seinen Lebensabend, in Oggersheim und verstarb 1940 in Kaiserslautern.

Der Hochverratsprozess gegen Max Hödel.

Die Preußische Justiz benötigte nur 6 Wochen mit den Vorbereitungen zum Strafprozess gegen Max Hödel. Am Königlichen Kammergericht für Staatsverbrechen eröffnete das Gericht am 17. Juni 1878 den Hochverratsprozess. Das Urteil stand, bekräftigt durch die zahlreichen Zeugenaussagen, von Anfang an fest. Ein Anschlag auf das Leben des Kaisers musste mit dem Tode bestraft werden.

Die Spitze des Staates, unter ihnen auch Bismarck, drängten auf eine baldige Verurteilung des Attentäters, denn mittlerweile war der Mordanschlag zu einem Politikum geworden.

Im Verlauf der Verhandlung leugnete Max Hödel die Tat mehrfach. Er versuchte dem Gericht glaubhaft zu machen, er wollte Selbstmord begehen, um auf diese Weise auf die Verelendung der Arbeiterschaft aufmerksam zu machen. Dem entgegen spricht eine Bemerkung gegenüber einem seiner Wärter, die lautete: „… wenn ich wieder rauskomme werde ich besser zielen “.Sein Hass auf Kaiser Wilhelm I., ließ ihn einen Brief an seine Eltern schreiben, der allerdings von den Justizbeamten abgefangen wurde. Er unterzeichnete das Schriftstück mit „ Max Hödel, Attentäter Sr. Majestät des deutschen Kaisers“. Ein Geständnis verweigerte der Angeklagte weiterhin. Ungeachtet seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Justiz, erging am 10. Juli 1878 folgendes Urteil:

„Der Angeklagte Max Hödel wurde des Hochverrates für schuldig befunden und sei deshalb mit dem Tode zu bestrafen.“. Der Kammergerichtspräsident, von Mühlen setzte die Hinrichtung auf den 16.08.1878 um 06:00 morgens an. Erst jetzt, im Angesicht es Todes, entschloss sich der Attentäter zu einem Gnadengesuch an Kaiser Wilhelm I. Die Bittschrift wurde nicht an den Kaiser weitergeleitet. Die ungeheuerliche Tat, einem Mord am Staatsoberhaupt, musste der Tod des Attentäters unter dem Richtbeil erfolgen.

Der Schafrichter von Berlin

Seit Urzeiten galt die Todesstrafe, in den meisten Kulturen als Sühne für die Schuld, die ein Mörder auf sich geladen hatte. Im 19. Jahrhundert war diese Art der Bestrafung noch nicht in Frage gestellt. Es sollte bis in die Zeit, nach dem 2. Weltkrieg dauern, bis die politischen Parteien, welche die deutsche Republik gründeten, diese Art der Sühne verwarfen.

Um das Amt des Henkers rankten sich vielfältige Gerüchte und Sagen, die dieser Person zu einer geheimnisvollen Aura verhalfen. Die Betätigung in diesem schwierigen Amt, wurde des Öfteren vom Vater auf den Sohn weitergegeben, und führte zur regelrechten Henkerdynastien, wie man am Beispiel des Schafrichters von Berlin erkennen kann.

Julius Anton Alexander Krauts wurde am 01.09.1843 als Sohn eines Schafrichters und Abdeckers geboren. Er setzte somit die Tradition innerhalb der Familie fort, zumal sein Großvater bereits Scharfrichter in Altenburg gewesen war. Er nahm als junger Mann in den Kriegen der Jahre 1866 sowie 1870/71 teil, und wurde ob seiner Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Nach seiner Lehrzeit, legte Krauts am 14.08.1878, in Gegenwart des Oberstaatsanwaltes von Luchs, die Scharfrichterprüfung ab und leistete seinen Beamteneid.
Es blieb ihm nur wenig Zeit bis er den, von ihm auserwählten Beruf, ausüben musste. Am Abend des 15.08.1878 arrangierte der Staatsanwalt ein Treffen, an dem der Henker, seinem Delinquenten Max Hödel, in die Augen sehen konnte. Anschließend stellte der Justizbeamte dem neuen Scharfrichter die Frage, ob er sich in der Lage fühle, sein erstes Todesurteil zu vollstrecken? Die Antwort fiel kurz aus, ja, ich mache mir eine Ehre daraus!

Als Hinrichtungsmethode galten zu jener Zeit, in der Preußischen Justiz, das Abtrennen des Kopfes vom Rumpf, mit einem Richtbeil und hier begannen die Probleme für den Neuling als Scharfrichter, denn der Berufsanfänger Krautz verfügte zu diesem Zeitpunkt, über kein, für ihn angefertigtes Richtbeil. Ein Rückgriff auf das Beil seines Vorgängers Reindl war nicht möglich, da dessen Sohn, nach dem Tod seines Vaters, diesen Beil, für 600 Mark, an ein Museum verkauft hatte. Ein Henker ohne Beil, einen Tag vor dem Einstieg in das Berufsleben! Ein Skandal drohte. Irgendjemand wusste Rat und lieh in einem Museum, die Kopie eines Richtbeiles aus. Unter diesem Beil endete am 16.08.1878 um 06:00 Uhr morgens das junge Leben von Max Hödel.

Das Richtbeil kam am gleichen Tag zurück ins Museum. Der Scharfrichter Krautz hatte den ersten Kopf, als Henker von Berlin, abgetrennt. Insgesamt sollte er 55 Todesurteile durchführen, an 54 Männern und einer Frau. Bereits 10 Jahre nach seiner ersten Hinrichtung erzielte Krautz, durch Veröffentlichung seiner Memoiren, in Form eines von Viktor von Falk veröffentlichen Kriminalromans, ein Honorar von 8000 Goldmark. Krautz verstarb am 24.04.1921.

Der Titel des Romans lautete „ Der Scharfrichter von Berlin „.

Nachtrag:

Die Ermordung eines Staatsoberhauptes kann auch als politische Willensäußerung gedeutet werden. Eine von der Staatsmacht unterdrückte Gruppierung glaubte, ihre Vorstellungen und Ziele, mit Gewalt durchsetzen zu können. Die Anarchistenszene im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert war ein, in vielen monarchistischen Staaten anzutreffendes Phänomen.

Im Gegensatz zu den Terroristen der Neuzeit, die wahllos mordeten, beschränkten sich die Attentäter der Vergangenheit auf die Eliminierung von regierenden Fürsten. Auf Kaiser Wilhelm I. wurden im Laufe seiner Regentschaft vier Attentate verübt. Dank glücklicher Umstände überlebte der Monarch, wenn auch schwer verletzt, die Mordanschläge.

Im Januar 1861 bestieg Wilhelm I. den preußischen Königsthron. Als er zur Kur in Baden- Baden weilt, geschah das Unfassbare:

Im Juli 1861 verübte der Leipziger Student Oskar Becker ein Attentat auf den Monarchen. Er schoss auf den König und verletzte diesen nur leicht am Hals.

Am 11. Mai 1878 folgte der, in dem Aufsatz beschriebene, Anschlag durch Max Hödel, den der Kaiser ohne Verletzung überlebte.

Erst der dritte Anschlag brachte dem greisen Monarchen fast den Tod. Und wieder geschah es, als der Kaiser in einer offenen Kutsche über die Straße Unter den Linden fuhr. Es war Sonntag der 02. Juni 1878 als Dr. Karl Eduard Nobiling mit einer Schrotflinte auf den Regenten zielte und feuerte. Von 30 Schrotkugeln getroffen und stark blutend brach Wilhelm I. zusammen. Die Verletzungen erwiesen sich als so schwer, dass Kronprinz Friedrich die Staatsgeschäfte übernehmen musste.

Die Einweihung des Niederwalddenkmals bei Rüdesheim a. Rhein am 28. September 1883, sollte für eine Anarchistengruppe um August Reinsdorf als Gelegenheit dienen, einen Anschlag mit Dynamit durchzuführen. Die antipreußisch gesinnten Männer wollten die führenden Persönlichkeiten des Staates beseitigen. Wiederum blieb der Anschlag erfolglos, bedingt durch das regnerische Wetter versagte der Zünder der Dynamitladung. Der Anführer der Verschwörung Reinsdorf wurde zum Tode verurteilt und geköpft.
Kaiser Wilhelm I. lebte noch weitere fünf Jahre und verstarb am 09. März 1888.

Literaturquellen:

• „ Die Talpost „ Lambrecht / Pfalz, Ausgabe von 22. Juni 1939.
• Börner, Karlheinz, Wilhelm I. Deutscher Kaiser und König. Eine Biografie 1797 – 1888, S. 236 ff.
• „Pfälzische Volkszeitung vom 13. Mai 1878, Pfalzbibliothek Kaiserslautern, Seite 1.
• Winkler, Uwe, Vom Museum aufs Schafott, Kleine Geschichte eines Richtbeils, S. 9 bis 95.
• WWW.DHM.de/lemo/html/Kaiserreich/Innenpolitik/Attentate

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