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Die Erlebnisse während des Krieges (1914-1918) in unserem Hause (Aufgeschrieben von Marie Goebels)

Marie Goebels wurde am 27.3.1860 als Tochter von Christian Goebels ( 1824 – 1872 )und seiner Ehefrau Elisabeth Eymann ( 1828 – 1891 ) in der Diemersteiner Mühle geboren, sie verstarb am 27.8.1938. Die gläubige, unverheiratete Mennonitin lebte zusammen mit ihrer Schwester Emma Goebels ( 1861 -1945 ) während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Haus ihres Großvaters Peter Eymann am Goebelsplatz. Die Beiden galten in jenen Tagen einfach als „ Die Tanten .“

Maria Goebels
Maria Goebels
27.03.1860
27.08.1938
Mennonitin
Emma Goebels
Emma Goebels
10.05.1861
22.08.1945
Mennonitin

Am Jahre 1914 im Juli war unser Jakob und sein Ännchen hier zur Erholung. Da sagte er eines Tages: „ Ihr Kinder es gibt Krieg.“ Wir hatte so große Angst. Wieder einmal sagte er: ,,Ich bleibe noch so lange hier, bis Kaiser Wilhelm heimreist von seiner Nordlandreise.“ Dieser Tag kam auch und Jakob ließ Ännchen noch hier und fuhr heim. Acht Tage vor dem Kriegsausbruch wurde die Bahn besetzt durch aktives Militär. Da bekamen wir die ersten Einquartierungen, d. h. wir mussten kochen und Ännchen brachte ihnen ihr Essen an das Bahnhäuschen an der Kirche. Dann kam der Mobilmachungstag. Unser Ännchen reiste heim und unsere erste Einquartierung musste fort ins Feld. Dann wurden die Bürger aufgerufen zur Bahn- und Straßenwache. Das weiß ja jeder, der’s erlebt hat, wie sich alles überstürzte. Wir gründeten in Frankenstein Osten zuvor den Rotkreuzverein. Da musste man sich betätigen. Es wurde Zucker gekauft. Wir bekamen Johannisbeeren Körbevoll ins Haus gebracht. Wir drei, Tante Kölsch, Tante Emma und ich kochten Saft von 3 Ztr. Zucker. Das war eine Arbeit. Wir schickten in Flaschen und Kisten alles nach Kaiserslautern an den Hauptverein. Die Kinder brachten uns Körbe voll Heidelbeeren zum Dörren. Wir hatten auf einmal 14 Horten voll im Hof stehen. Die kamen auch fort nach Kaiserslautern. Zwischendrinn hatten wir als Einquartierung. An einem Morgen sind tausende von Pferden hier durch, alle aus der Nordpfalz und Westpfalz nach Speyer. Die Bauern selbst als Reservisten mussten sie transportieren. Wir hatten auch viele Pferde und Mannschaften über Nacht. Einmal abends mussten wir warten bis um 11 Uhr auf sie. Da war ein ziemlich junger Reservist dabei. Der war sehr traurig.

Man sah ihm den schweren Abschied von daheim an. Er sagte, wenn er gewusst hätte, dass es Krieg gibt, hätte er nicht geheiratet. Ein Jahr verheiratet, ein Kind und jetzt fort. An dem Morgen zogen sie ab nach Speyer mit ihren schönen Bauernpferden noch in Zivil. 14 Tagespäter kam ein Trupp Reiter in Uniform Kriegsmäßig ausgerüstet von Speyer. Einer kam zu Pferd herüber ans Fenster, wo Tante Emma und ich standen und begrüßte uns früh. Ja wer sind sie denn? Dann sagte er: Vor 14 Tagen war ich doch bei ihnen einquartiert. Dann sagten wir, er sei ein ganz anderer Mensch. Ja sagte er: Die Kameraden und die Begeisterung haben’s geschafft. Er war ein Grossbauer vom Schmalfelder Hof. Ich glaube, er hieß Spies. Dieser Abschied von allen hiesigen Reservisten waren viele verheiratet; wir fühlten nichts von Begeisterung, Angst und wieder Angst. Wann werden wir fort müssen? Wo wollten wir hin? Ich sagte immer, wir bleiben daheim. Gottlob, wir durften alle die Jahre daheim bleiben.

Nach den Aktiven wurden die Bürger aufgerufen. Die mussten die Bahn und die Strassen bewachen, und einzelne mussten fort in den Krieg. Karl Michel auch zum Landsturm, und diese mussten auch hier die Bahn und Strassen besetzen, und bekamen dann wieder Einquartierung. Fast immer 2 Mann ,ältere Leute. Fast ein jeder hatte zu klagen über den Krieg und seine arme Haushaltung, die vernachlässigt wird, und als 45 jährige noch dressiert wurden, von viel jüngeren Unteroffizieren. Landau soll mir gedenken, sagte einer. Sie halfen uns auch manchmal etwas arbeiten. Ein Gastwirt von Münchweiler lernte uns Johannisbeerwein machen. Er war ein viertel Jahr bei uns. Ein anderer machte im Keller den Gläserschrank und die Apfelhorten usw.

Das Fürchterlichste waren uns die Verwundetenzüge, jeden Tag um dieselbe Zeit. Diese kamen schon ziemlich bald, bevor der Aufmarsch beendet war. Viele, viele Züge mit Militär an die Front. Ein Zug musste hier warten, bis der andere in Hochspeyer war, und so ging es Tag für Tag. Das waren Aufregungen! Es durften keine Autos durchfahren ohne militärische Kontrolle. Wir sahen Autos durchfahren auf beiden Trittbrettern Soldaten. Es waren verdächtige Ausländer drin. Wir durften nicht mehr den Schlossberg hinauf, wenn uns die Besatzung nicht kannte. Bruder Christian musste zurück und holte sich Tante Emma als Ausweis, dass er kein Spion ist. Der Krieg schleppte sich fort. Jahrelang hatten wir die Landsturmleute, aber sonst keine Einquartierung. Von Oktober bis April hörten wir im Hause die Kanonen rollen, daß manchmal die Fenster klirrten. Unser Rotkreuzverein ließ uns viel stricken. Tante Kölsch war die Flinkste unter uns. Die anderen Damen nähten. Manchmal versammelten wir uns bei Fr. Forstm. Scharff und nähten. An Weihnachten machten wir Pakete für unsere Frankensteiner Soldaten. Anfangs große, aber zuletzt nur noch kleine. Die Post nahm keine großen mehr an, und wir hatten als auch nichts mehr. Wir daheim machten auch unsere Privatpaketchen an Weihnachten. Da hatten wir immer Arbeit. Wir wurden auch geschimpft über das bisschen Zeug nur ein Pfundpaket.

Kostgänger und Kurgästen hatten wir noch immer, trotz Rationierung. Tante Emma ging fort hamstern. Auf dem Wäschbacher - Hof bekam sie immer etwas. Kusine Lenchen sorgte immer für uns. Wir tauften sie unsere Nährmutter. Auf der Biebermühle war Tante Emma und bekam Mehl und Rollgerste. Auf dem Kohlhof war sie, ich war auch einmal dort, bekamen aber nichts. Nur 10 Pfund Mehl, was Tante Emma vergessen hatte. Es war ein weiter Weg von Schifferstadt zum Kohlhof zum Laufen. Tante Barth war auch dabei und bekam nichts. Wir hatten immer viele Kurgäste, jeden Sommer bis in den Herbst. Unsere Mannheimer kamen als, sowie auch Kölsch und Fremde, hauptsächlich Frau Schlesier .Wir verabschiedeten sie mit Groll. Wir versteckten die Kartoffeln und Mehl im Keller und auf dem Speicher unter Holz. Unsere Kostgänger stellten uns ihre Koffer zur Verfügung. Wir hatten aber sichere Plätzchen für die Kartoffeln, obwohl sie uns beinahe zum Geheimfach herauswuchsen. Dickrüben brauchten wir keine zu essen. Wir pflanzten unsere Gemüse, hielten uns Schafe für die Strümpfe. Wir hatten aber kein Glück mit ihnen. Dann hielten Michels eine Ziege, dann später noch 2 Junge, wo wir auch Teil daran hatten. So war auch etwas gesorgt für Milch. Michels hielten sich Pferde in unserem stall und Hof. Damals ging ihr Holzgeschäft noch besser. Manchmal verendete eines von den Pferden. Das waren immer große Aufregungen im Hause, hauptsächlich für Tante Kölsch. Es waren sehr schlimme Zeiten. Man hat sich daran gewöhnt, als wenn es so sein müsste. Wir mussten viel arbeiten. Sonderbarerweise waren wir trotz der kargen Zeit aber immer gesund. Ich war zwar einige Mal krank, hatte einmal Gesichtsrose, ein andermal Bronchitis und Mittelohrentzündung. Aber in der Hauptsache gings gut. Wir schlachteten jedes Jahr ein Schwein, von welchem wir noch abliefern mussten. Metzger Kühner und Polizeidiener Gutfrucht waren uns sehr geneigt, und wenn das Schwein 150 Pfund schwer war, taxierten sie es auf 80 Pfund. So brauchten wir alsdann nur 2 Pfund und 2Pf. Fett abliefern. Gutfrucht bekam als eine große Wurst. Es war ja sehr ungerecht und strafbar, man war damals nicht so arg ehrlich. Wen der Mensch hungrig ist usw. gestohlen haben wir nicht, bloß gehamstert! Wir mussten auch unser Kupfer und Messing abliefern. Wir taten es mit schwerem Herzen. Eine Latwergschüssel, Mörser, Bundform und noch viele andere Sachen von Kupfer und Messing, 42 Pf. a’ 1 M. Es waren alles auch Altertümer von Urgroßeltern, Großeltern und Eltern. Wir bedauern es heute noch. Wir haben auch Flachs gepflanzt. Er liegt aber heute noch ungebunden auf dem Speicher. Wir pflanzten unsere Gärten und Kartoffeln. Wir schickten auch manchmal fort an unsere Geschwister, wenn wir übrig hatten. Es war ja leider nur sehr wenig, was man tun konnte. Wir schickten Onkel Jakob einmal Kartoffeln in einem großen Kasten Holz in der Mitte versteckt. Man durfte doch keine Kartoffeln verschicken. Wir wären damals auch beinahe erwischt worden. Michels Fuhrleute hamsterten als Hafer, den brachten sie uns zum Aufheben, viele Zentner. In unserer Dachkammer stand er in Säcken. Wir schlossen ab und stellten den großen Schrank vor die Türe. Was haben wir, Pauline, Tante Emma und ich mich abgeschafft. Heute könnten wir es nicht mehr tun. Wir haben heute noch Hafer in den Dachsparren, der rieselt herab zu unserem größten Ärger. Wir hatten es ja auch noch gut auf dem Lande. Wir aßen morgens Kartoffeln, ein Stückchen Latwergbrot zu unserem Gerstenkaffee. Da wurden wir satt. Mittags gab’s Hafergrützensuppe. Tante Kölsch tat 17 Zutaten daran. Für meinen Geschmack war es zuviel, und dann gab’s Gemüse, Kartoffeln und ein großes Stück Fleisch! Abends Kartoffeln mit Apfelbrei und Kaffee, oft ohne Milch. Wir wurden satt und es schmeckte sehr gut. Onkel Jean beschwerte sich, der Apfelbrei schmeckte ihm nicht. Uns ging es verhältnismässig noch gut. Aber unsere Großstadtkinder? Die waren blass, wenn sie in Ferien kamen. Tante Anne weinte, und sagte, wenn ich ihnen nur mehr Brot geben könnte! Sie waren aber, wenn sie Heimgingen, wieder besser erholt und unsere gute Luft hat sie wieder gekräftigt. Sie bekamen als ihre Ration Brot von Mannheim, auch Fleisch soviel ihnen zugeteilt worden war, ½ Pf. Brot täglich und ¼ Pf. Fleisch für die Woche. Da ging es knapp her! Kartoffeln, Salat und Gemüse hatten wir ja genug. Die Kartoffeln waren auch rationiert, ½ Pf. täglich, dank unserer Vorsorge doppelt. Tante Emma musste als Schlangenstehen, stundenlang um ein wenig Zucker, etwas Butter, ¼ Pf. auch Gerste und Sirup. Wir waren eben abgeschnitten vom Ausland. Da musste halt gehaust werden, mit den wenigen Mitteln, die man hatte. Wir haben auch auf der Kaffeemühle Weizen gemahlen, und Dank unserer lieben Kusine auf dem Wäschbacher Hof, hatten wir immer etwas Mehl. Die Hefe fabrizierten wir selbst. Unsere Kostherren mahlten den Weizen auf der Kaffeemühle, und es sorgte da schon jeder, dass der Andere auch an die Reihe kam. Der Krieg ging weiter, ein Jahr wie das andere. Wir gewöhnten uns daran. Das Schwerste waren die viele Opfer hier in Frankenstein. 53 Gefallene. Das war eine große Zahl für ein Dorf von 800 Seelen. Sie waren in den Pfälzer Regimentern und viele in derselben Kompanie; das kostete immer 3-4 auf einmal. Das war furchtbar, dieser Jammer! Unsere Familie verlor nur einen Vetter, Julius Barth von Dürkheim. Aber das schlimmste für uns, und hauptsächlich für seine Eltern, war Hans Goebels, der seinen Verstand verloren hatte und verschollen war. Später hörten wir, daß er in Amerika in einer Irrenanstalt ist, wo er einige Jahre war und nach dem Kriege ausgeliefert wurde. Das war schwerer wie gefallen , für seine armen Eltern. Wenn die Soldaten in Urlaub heimkamen, besuchten sie uns; auch Julius Barth war das letzte Mal noch bei uns. Er sagte, er wolle noch einmal durch das Dürkheimer Tal laufen. Es war das letzte Mal daß wir ihn sahen. Einige Wochen später besuchte ich den trauernden Vater und die Geschwister. Erzählen konnte keiner etwas vom Kriege. Im Jahre 1917 starb unser Bruder Jakob am 16. Mai. Ich war dabei, wie schon so oft. Seine 3 Söhne waren auch im Krieg, kamen aber alle wieder glücklich heim. 1918 kam unser letztes Kriegjahr und mit ihm die Grippe, die Flieger und noch vieles andere. Immer die Angst, wir müssten flüchten. Tante Kölsch und Walter wollten wir nach Chemnitz schicken. Im Sommer wurden unsere Mannheimer krank, die Mutter und Heiner. Er kam hierher zur Erholung von der Grippe, noch sehr krank. Hier bekam er noch Lungenentzündung, war 9 Wochen hier, und ging kränker heim, als er kam. In den Ferien kamen die Mütter mit den Kindern noch einige Zeit zur Erholung. Dazwischen wurde einmal bei uns eingebrochen im Keller. Alle Gläser mit Fleisch, Gemüse und Obst wurden gestohlen. Das war ein großer Verlust in dieser Hungerszeit.

Am 10. Oktober wurde Tante Kölsch krank, die Grippe mit Lungenentzündung mit 9 Wochen Fieber. Das war eine schwere Zeit, mit dieser Angst, wir müssten fort. Da ging der Rückzug im Krieg schon an. Wir versprachen Tante Kölsch, wir bleiben bei ihr, es könne kommen, was wolle. Die Fliegerangriffe hörten wir immer dazwischen in Kaiserslautern, wie es bei uns wäre. – Dann kam der 9. November und einige Tage später unsere deutschen Kämpfer. Einquartierung. Zuerst aus der Etappe, junge Aufgeputzte, alles neu, was sie an hatten. Der Flotteste kam, machte Quartier, wollte sofort ins Krankenzimmer zu Tante Kölsch. Ich sagte: Hier können Sie nicht hinein! Doch, die Kranke umbetten! Da ist mir aber ein Zorn gekommen. Ich hätte ihn gerne hinaus geschmissen. Er begnügte sich dann mit anderen Zimmern. Sie waren aber nicht wie die Ersten. Sie kamen aus den Schützengräben, beschmutzt, abgerissen, voll Läuse. Wir suchten sie jeden Morgen ins Seifenschüsselchen, wo wir sie einmal Herrn Doktor präsentierten, der sich sehr interessierte. Er hatte noch nie welche gesehen. Wir wurden aber nicht von ihnen belästigt. Wir behandelten sie ganz vorsichtig. Unserer Tante Kölsch sagten wir anfangs nicht, daß Kaiser und König verschwunden sind, da sie noch sehr krank war. Sie hörte es aber doch einmal und regte sich sehr auf, was wir auch taten und können es heute noch nicht verwinden.

Unsere Soldaten waren hungrig, und wir hatten nichts zu essen für sie, und sie selbst hatten bloß Brot und ein Stückchen Wurst für abends. Zum Mittagessen waren keine Soldaten da. Gegen Abend war das Haus wieder voll. So mussten wir Tag für Tag die Betten und Zimmer reinigen und unsere Tante Kölsch pflegen. Bei ihr suchten wir als Schutz und Erholung, wenn es manchmal zu arg wurde. Der Bürgermeister Habecker entschuldigte sich morgens, wenn er uns wieder das Haus voll Soldaten brachte. Die, die aus dem Schützengraben kamen, waren gedrückte, traurige Menschen. Manche weinten über unser Schicksal, und andere fluchten über Kaiser und Reich. Dann kamen Autos mit roten Fahnen geschmückt. Sie saßen voll Menschen, die wir hasten, keine Soldaten mehr. Revolution! Dann kamen wieder, von denen jeder Soldat ein schwarz-weiß- rotes Fähnchen hatte; das hat uns sehr gefreut. Sie brachten diese von Saarbrücken, wo sie sie den Schulkindern abnahmen.

Es kamen auch einmal abends spät noch 9 Mann. Sie waren von der polnische Grenze. Denen machten wir noch etwas zum Essen. Wir verstanden sie nicht, machten aber einen bösen Eindruck, und wir fürchteten uns vor ihnen. Wir waren sehr froh, als sie wieder fort waren. Traurig war es, wenn man diese Truppen durchmarschieren sah, noch mitnahmen, was sie erwischen konnten, kleine Wägelchen, was es war wissen wir nicht, vielleicht Gaswerfer oder so was. Als die Letzten durchmarschiert waren, kamen immer noch anderen Tages wieder, bis dann Ende November die Allerletzten kamen. Denen sagte ich: Ihr geht jetzt, und wir bekommen die Franzosen! Sie sagten: Ja leider! Während dieser Zeit starben sehr viele Leute hier an Grippe.

Ich ging einige Zeit jeden Tag dreimal zur Beerdigung. Einmal flogen 14 deutsche Flieger über uns weg, als wir auf dem Friedhof standen. Tante Emma stand unterdessen am Schlossberg mit ihren Leiten. Sie hackten das Feld für den Winter. Tante Kölsch war nun schon 7 Wochen krank mit Fieber. Fast jeden Tag kam der Arzt. Das war eine schlimme Zeit. Unser Bruder Christian kam mit seinem Schwager Otto Battinger auf Schleichwegen noch einmal hierher. Wir begrüßten sie mit Jubel. Es war in den Tagen zwischen Ausmarsch unserer Truppen und dem Einmarsch der Franzosen. Es war eine gefährliche Sache .Wir danken es ihnen heute noch. Wir hatten auch in diesen Wochen die glorreiche Revolution gehabt, die uns nach 14 Jahren auf das Stroh legte. Nun am 5. Dezember waren die ersten Franzosen da. Morgens kamen die Quartiermacher auf das Bürgermeisteramt und holten sich die Zettel. Da wussten sie ganz genau, wie viele Betten da sind, und wir hatten ziemlich viel, und somit auch viele Leute.

Als die deutschen Truppen fort waren, mussten wir, die Gemeinde, die Straßen reinigen lassen. Da war fußhoher Schlamm, der musste weg, bis die Herren Franzosen kamen. Das Stückwerk kam da zum Vorschein, als es sauber war. Unsere ersten Franzosen war die Fremdenlegion, da war die Sprachverwirrung von Babylon. Zwei, die deutsch redeten. Der Eine, sagte Tante Emma, ist sicher von Hochspeyer. Er war aus Zweibrücken. Der Andere war ein Luxemburger, der auch deutsch sprach. Die Ersten waren fort. Am anderen Tag hatten wir hier in Frankenstein 1800 Neger aus Madagaskar. Ins Haus bekamen wir keine. Aber wir bekamen die Küche. Da kochten zwei Schwarze für Offiziere, welche bei uns und Michels einquartiert waren. Es waren so ungefähr 20 Mann. Sie luden unsere Kostgänger zum Essen ein. Tante Emma und ich retteten uns in unserer Angst zu Tante Kölsch an ihr Bett, mussten auch manchmal in die Küche zu den 3 Schwarzen, Tassen und Geschirr herausgeben. Auf einmal hörten wir drüben bei den Zechenden die Marseillaise. Dann sangen unsere Herren. Die Wacht am Rhein zu ihrer Entschädigung. Diese Nacht habe ich durchwacht. Am nächsten Morgen war Abmarsch. Zuerst kamen Senegalesen zu Pferd mit Turban und weißen Mänteln, dann der General, der im Diemersteiner Schloß einquartiert war, dann die Musik mit den 1800 Schwarzen. Ich half Tante Kölsch auf im Bett und zeigte sie ihr. Sie sagte dann, die will ich nicht sehen. Wochenlang hatten wir fast jeden Tag Einquartierung bis die Straße wieder ein Schlammbad war und so ähnlich war auch unser Haus und die wusselichen Tierchen in den Betten auch. Jetzt konnten wir die Arbeit nicht mehr bewältigen. Nach Weihnachten wurde es ruhiger. Unsere arme Tante Kölsch war immer noch krank, es währte ein halbes Jahr, bis sie wieder aufstehen konnte. Ich führte sie am Anfang2 Schritte spazieren, bis wir nach 8 Tagen um den runden Tisch kamen, da waren wir sehr froh und so hatte sie sich wieder langsam erholt. Ich glaube, das war der härteste Winter. Wir durften am Anfang der Besatzung abends nach 7 Uhr nicht mehr auf die Straße. Wir mußten unsere Identitätskarten haben und durften nicht weiter spazieren gehen als im Dorf. So nach und nach gab es wieder andere Bestimmungen. Wir fühlten uns aber immer noch im Krieg. Wir haben viele fremde Rassen gesehen: Madagaskar, Senegalen, Siamesen, Anemiten, Rifkabilen, Araber, vielleicht auch noch mehr. Gegen Pfingsten kamen eines Tages 120 Autos. Man stellte sie reihenweise im Dorf auf. Das waren die Anemiten. Wir hatten diese Gesellschaft 5 Wochen hier, und wir hatten 9 Mann Einquartierung. Die Unteroffiziere waren weisse Franzosen. Es war gerade in der Zeit, in der unser Versailler Frieden diktiert wurde. Die Anemiten hatten wir nicht zum Schlafen. Aber am Tag saßen sie in der Werkstatt auf dem Boden auf einem Tuch und spielten Karten. Es war ein ganz fremdes Feld zum Photographieren. Eines Tages mußten sie nach 5 Wochen wieder plötzlich fort in den Krieg, wie sie sagten und glaubten. Sie verabschiedeten sich rührend und weinten. Wir lachten sie aus und sagten, wir wollten keinen Krieg, bloß sie, die Franzosen wollten ihn. 2Tage später haben wir den Frieden unterschrieben. Nun war Frieden! Aber wir merkten wenig davon, fast jede Woche wieder Franzosen im Hause. Einzeln kamen unsere Krieger aus dem Dorf heim. Es musste gesorgt werden, daß sie arbeit bekommen, sonst wären sie verhaftet worden und ausgewiesen wegen Gefährdung der französischen Armee! In dieser Zeit hatten wir immer noch Kostgänger und im Sommer Kurgäste, dazwischen Einquartierung, Tante Kölsch hatte sich wieder erholt, und wir arbeiteten so weiter und sparten unser Geld. Die Inflation spürte man aber schon bedenklich.

Im Jahre 1922 am 27. Januar starb unser Bruder Jean in Diemerstein. Übermorgen sind es 10 Jahre. Da waren wir doch auch dabei, wenn es auch nicht im Hause war. Später kam die Ruhrbesetzung, natürlich auch in die Pfalz. Die Eisenbahn übernahmen die Franzosen, und wir bekamen wieder Einquartierung, besonders in die Küche. Diese währte 5 Monate, Bahnbesatzung. Araber kochten für die Besatzung, welche das Essen zweimal hier holten. Abends um 5 Uhr war Schluss. Dann atmeten wir auf, bis zum anderen Morgen. Dann kamen sie wieder und kochten Kaffee, von welchem wir auch bekamen. Wir halfen ihnen, schimpfen, klärten sie auf. Dann sagten sie: Aleman gut, Afrika gut, aber France nix gut1 Wenn einer echter Pfälzer war, durfte er doch nicht mit der Eisenbahn fahren! Anfangs kamen vom Rechtsrheinischen aus allen Großstädten die Personenautos und vermittelten den Verkehr auf der Straße. Nach einigen Tagen wurde es verboten von interallierten Rheinlandkommision . Unsere Deutschen wussten sich zu helfen und liefen, fuhren per Auto. Diese durften keine Fremden mitnehmen, bloß Frau und Kinder Vorsintflutliche Chaissen, wir glaubten aus Museen, Räder, Kinderwagelchen, kleine Leiterwägelchen, Fußgänger. Ich glaube so etwas hat man in Frankenstein noch nie gesehen. Wir hatten monatelang jede Nacht fremde Gäste. Die Araber in der Küche, das war eine sehr große Arbeit im Hause Tante Emma und ich schafften sie. Tante Kölsch war damals wieder krank. Das Härteste die vielen Ausweisungen uns der Pfalz. Wochenlang wurden sie in Jagdwägen hier durchgefahren. An manchen Tagen waren 50 Wägen. Pauline Michel half in Debolds beim Frühstück, welches sie hier bekamen. Die ersten der Bahnbesatzung waren Araber. Da stand unsere Kellertüre auf und Minäy lief in das Loch. Es ging aber noch gut ab. Am nächsten Tag lief er noch einmal hinein, und die Kellertüre fiel im auf den Kopf. Da wurde es uns aber Angst. Er sagte, er würde nichts verraten an den Franzos, diesem wäre egal, ob Afrikaner kaputt geht oder nicht. Den Schrecken aber hatten wir und eine schlaflose Nacht dazu. Wir mussten von ihrem Kaffee trinken, und wenn wir nicht wollten, waren sie beleidigt. Tante Kölsch bekam, weil sie krank war, Tee. 5 Monate diese braunen Gesellen zu haben, war eine lange Zeit. Eines Abends kamen sie, holten Kaffee und zogen aus, zu unserer großen Erleichterung. Aber unsere Küche und Herd? Die waren für uns ohne jede Entschädigung. In diesen Zeiten konnten wir nicht zu unseren Angehörigen kommen, wie auch sie nicht zu uns, manchmal 1 ½ bis 2 Jahre,. Es war die Fortsetzung vom Krieg. Wir gewöhnten uns daran, wie an die Schläge. In dieser Zeit kam abends um 9 Uhr ein Franzose und wollte Quartier. Wir hatten keines mehr. Ich war allein und sagte ihm, wir hätten schon 9 Mann. Da bekam ich zur Antwort, wir hätten bloß 8 und 9 Mann nehmen. Da hatte er schon sein Werkzeug in der Hand und wollte aufbrechen. Ich holte den Schlüssel und machte die Türe von Herrn Lehrer Karch auf und ließ ihn eintreten. Er war sehr befriedigt, und wir konnten sehen, wie wir Herrn Karch unterbrachten. Herr Forstgehilfe Kober nahm ihn auf. Unsere 2 Zimmer rechts waren auch einmal das Prison. Einer war drin, der tat nichts anders, als er will im Höfchen essen und brachte es auch fertig, musste neben den Betten auf dem Stroh liegen. Dann war die Schuhmacherei und Schneiderei drin. Berge von Schuhen, Kleider, Konserven, Tournisten usw. vermischt mit Stroh und Schmutz, alles in beiden Zimmern. Tante Lisette kam zu Besuch. Ich zeigte es ihr. Sie hielt die Nase zu, ging rückwärts hinaus und sagte, ob wir armen Tanten dies wieder sauber machen müssten? Es blieb uns ja gar nichts anderes übrig! Oben im Zimmer hatten wir einmal einen Offizier auf einige Tage mit Frau und Kind. Als er wieder fort ging , verabschiedete er sich höflich und sagte: Auf Wiedersehen! Eine viertel Stunde später kam er, schrie uns an, hätten ihm ein Buch gestohlen, er schickte uns die Polizei. Wir zitterten und sagten ihm, wir hätten kein Buch. Erschimpfte weiter. Ich ging zu Michels und holte mir Otto Kölsch. Er sagte ihm daß seine Tanten keine Bücher stehlen brauchen, die hätten viel mehr wie er, er solle doch einmal in seinem Gepäck nachschauen. Es war auch drin. Später kam Tante Emma an der Bahn zu ihm. Er wollte sich entschuldigen. Sie drehte sich herum und ließ ihn stehen. Wir hatten auch sehr oft die Feldküche im Hof. Einmal ließen sie den Reis anbrennen. Der wanderte auf den Mist. Wir holten ihn und fütterten ihn unserem Säuen als Delikatesse. In unserer Waschküche lag im Segeltuch gehüllt eine halbe Kuh, viel Fleisch! Es war gerade Kirchweih. Wir hielten sie ohne Fleisch. Aber etwas Neid hatten wir doch! Stall und Scheuer waren bei jeder Einquartierung voll Pferde. Das Aus- und Einräumen war für uns. Wir lernten während und nach dem Kriege noch einmal gründlich schaffen. Das haben wir aber fertig gebracht, daß unsere Wohnung frei blieb von Franzosen. Sie klopften an und blieben außen stehen, bis man kam. Das Haus hatten sie ganz zur Verfügung, ob wir wollten oder nicht. Ich glaube im ganzen Dorf hatte niemand so lange und viele Einquartierung wie wir. Wir beschwerten uns auch. Da sagte der Bürgermeister: Wo soll ich sie denn hintun? Nehmt sie doch. Viele Patronen lagen im Hof und Haus herum. Wir suchten sie zusammen und gaben sie ihnen. Mit schiefen Gesichtern nahmen sie sie ab. Da hätte doch manches passieren können!

Ich habe vergessen zu schreiben: Als der Rückzug und das Kriegsende war, versteckten wir unser Weißzeug aus Angst, daß der Rückzug schlimmer wird, und wir fürchten auch die Franzosen .Es wäre aber nicht notwendig gewesen. Es war eine schwierige Arbeit. Wir suchten alle Koffer und Kästen zusammen und schafften sie leer ins Verließ. Dann holte Tante Emma das Weißzeug in Körben. Ich grabbelte ins Loch und setzte das Weißzeug in die Kästen und nagelte sie zu. Tante Kölsch war damals sehr krank und konnte nichts helfen. Es waren 12 Kisten voll. ( Michels, Tante Kölsch und unsere.) Tagelang arbeiteten wir daran hinter verschlossenen Türen, aber immer in einer Zeit, in der ungestört waren. Dazwischen kamen auch schon unsere Truppen. Die wussten aber nicht, was wir im Keller schafften. Wir hatten das Weißzeug so ¾ bis 1 Jahr dort. Als wir es wieder herausholten, war es unversehrt, und wir konnten es wieder in den Schrank setzen. In diesem Jahr waren auch die Anemiten da, kurz vor dem Friedensschluss, 5 Wochen. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens marschierten sie vor in den Krieg, denn sie glaubten ja selbst nicht daß wir unterschreiben. Alle Gewehre wurden von den Franzosen eingezogen. Die überflüssigen nahmen wir in unsere Obhut und legten sie zu unserem Weißzeug. Wir hatten so ungefähr 10 Stück. Es hätte uns ja böse Folgen bringen können. Aber nicht wahr, bei uns alten Tanten vermuteten sie doch keine Waffen?

(Der Artikel wurde in der Originalfassung wiedergegeben - Bearbeitet von Peter Mossmann)

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